Wie strukturiert man eine spannende und berührende freie Trauung?

Ganz egal wie gross die Schreibkünste eines Zeremonienleiters sind: Wenn er die Rede schlecht strukturiert, wird sie nicht die erwünschte Wirkung entfalten. Die Struktur ist bei jeder Erzählform zentral. Das wussten schon die alten Griechen. Aber auch alle Bücher, TV-Serien, Spielfilme, Reden und sogar kurze Wortmeldungen und Witze funktionieren nur dann richtig gut, wenn der Aufbau des Textes sorgsam geplant ist.

Ich rate aus diesem Grund immer zu einem Dreiakter.

Erster Akt: Die gemeinsame Geschichte

Dies ist der für das Brautpaar aufwändigste Teil. Denn damit der Zeremonienleiter einen starken Text hat, muss er über die nötigen Informationen verfügen. Und diese erhält er selbstredend am besten vom Brautpaar selber. Um die Fakten zu erfahren, muss er quasi wie ein Journalist investigativ vorgehen. So eine Befragung dauert bei mir fast immer mindestens zwei Stunden. Doch die Arbeit lohnt sich! Denn die Gäste kommen ja zur Hochzeitszeremonie weil sie das Brautpaar kennen und mögen. Und wenn es dem Hochzeitsredner gelingt, Dinge zu erzählen, die weder der beste Kumpel des Bräutigams noch die Mutter der Braut schon kennt, hat er alles richtig gemacht. Und wenn er das mit der richtigen Prise Humor und Ernsthaftigkeit mischt, dann ist dieser erste Teil immer gelungen. (Ich pflege jeweils zu sagen, dass die Kunst des Zeremonienleiters darin besteht, den besten Kumpel nicht zu langweilen und gleichzeitig die Grossmutter nicht zu schockieren. Es ist leicht, niemanden zu langweilen, wenn man einfach Tabus bricht und Ungehöriges von sich gibt. Und es einfach, niemanden zu schockieren wenn man schilcht und einfach nur Gemeinplätze und Reingewaschenes von sich gibt. Die Mischung macht’s! Und wenn der Erzähler gut ist, kann er ruhig auch die Stolpersteine erwähnen. Zum Beispiel dass sie das Paar zwischendurch sogar mal getrennt hat. Denn alle wahrhaft romantischen Geschichten bestehen auch aus mindestens einer Krise. Aber um das zu tun, muss ein Hochzeitsredner sein Handwerk auch wirklich verstehen.

 

Zweiter Akt: Das gemeinsame Thema

Ein wunderschöner Ort für eine freie Trauung im Kanton Zürich ist die Moschti Stäfa. Unter dem Weiden-Pavillon findet gut 50 Leute Platz!

Ein wunderschöner Ort für eine freie Trauung im Kanton Zürich ist die Moschti Stäfa. Unter dem Weiden-Pavillon findet gut 50 Leute Platz!

Der erste Akt meiner freien Trauungen ist in der Regel schwungvoll, anekdotisch und durchaus auch lustig. Nein, keine Schenkelklopfer, kein schwarzer sondern ganz feiner Humor. Nur harmlose Witze über den Bräutigam und überhaupt keine Witze auf Kosten der Braut. (So zumindest meine Empfehlung.)

Gäste und Brautpaar haben ein paar Mal lachen können. Und das wollen sie in der Regel auch. Fast alle Paare sagen mir, dass sie sich eine lockere Trauung wünschen. Das freut mich, allerdings muss ich jeweils einschränken. Denn das Eheversprechen ist ja durchaus auch eine ernste Sache. Und damit das auch so empfunden wird, muss man zumindest vorübergehend auf Witze verzichten. Dazu ist der zweite Akt da. Es werden keine Anekdoten mehr erzählt sondern es wird ein kleines bisschen “philosophiert”. Aber Achtung: hier laufen auch geübte Redner Gefahr, einen - zumindest aus meiner Sicht - dicken Fehler zu machen. Ich rate stark davon ab, zu predigen oder die Welt zu erklären. Viele Redner sind selbstbewusst und meinen, dass sie der Welt etwas zu geben haben. Das mag auch stimmen. Aber meiner Meinung nach, ist das nicht der Moment. Meine Sicht der Dinge: die Gäste sind nicht gekommen, um meine Weisheiten zu hören oder sich missionieren zu lassen. (Bei freien Trauungen erst recht nicht.) Sondern sie sind gekommen, das Brautpaar zu feiern. Und drum sollte man in diesem Teil mit Ratschlägen zurückhaltend sein. Auf “Eherezepte” sollte ganz verzichtet werden. Damit das glückt, rate ich zu einem ganz kurzen zweiten Zeremonienteil: nur fünf bis acht Minuten.

 

Dritter Akt: Die ganze Action

Der Teppich ist ausgelegt, jetzt geht es an die Action. Ich lasse die beiden Trauzeugen (oder andere mutige Gäste) einen kurzen Wortbeitrag machen. Ich fordere das Brautpaar auf, sich ein Liebesbekenntnis auszusprechen. Ich lese ihnen die ausgewählten Fragen fürs Eheversprechen vor. Es folgt das Ja-Wort, dann der Tausch der Ringe und der Kuss. Und dann? Dann mach ich’s ganz, ganz kurz: nach weniger als einer Minute runde ich die Trauung ab indem ich das Paar beglückwünsche und allen weiterhin ein wunderschönes Fest wünsche. Die Leute sind dann fast erschrocken, dass es “schon vorbei” ist. Und das Brautpaar tritt den Auszug mit den grossen Gefühlen an, die jetzt ganz sicher noch durch sie strömen.

Fast alle Hochzeitsredner und Zeremonienleiter machen das nicht so. Sie reden weiter und weiter. Und weiter. Der Negativrekord, den ich als Gast erleben musste: nochmals 75 Minuten! Über zwei Stunden Trauung. Das ist keine Zeremonie, sondern eine Zumutung. Ein guter Redner weiss eben auch wann er schweigen soll. :-)